07.06.2020

Entschieden nach vorn… oder zurück… oder…

Welches Frühstück soll ich wählen? Das gesunde Müsli, das mir die nötigen Nährstoffe und Power für den Tag gibt, oder das Marmeladenbrötchen, weniger gehaltvoll, aber dafür sooooo lecker? A, nein B, doch A, B, … argh!!!

Für einfache Entscheidungen brauchen wir nur unseren Verstand

Wir treffen tagtäglich rund 20.000 Entscheidungen, so Hirnforscher Ernst Pöppel (WiWo, 2008). Die meisten davon intuitiv und blitzschnell. Es gibt aber auch solche, bei denen unser Kopf richtig ackern muss. Das Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ von Daniel Kahneman gibt, passend dazu, einen spannenden und leicht verständlichen Einblick in die Prozesse im Hirn. Absoluter Lesetipp!

Bei der Philosopherei in dieser Woche nahmen wir uns eine andere Facette des großen Themas der Entscheidungen vor. Es ging um den Umgang mit harten Entscheidungen. Ob hart oder einfach hängt davon ab, wie die Alternativen in Beziehung zueinanderstehen. Einfach ist immer es dann, wenn die Unterschiede der zur Verfügung stehenden Optionen mess- und erfassbar sind. So müssen wir nur unseren Verstand bemühen, die Fakten sammeln und analysieren, um schließlich A oder B auszuwählen.

Schwerer wird es, wenn die Alternativen ebenbürtig sind, wenn es kein klares „besser“ oder „schlechter“ gibt. Ich grüble immer noch über mein Frühstück…

In ihrem Ted-Talk beschreibt Philosophie-Professorin Ruth Chang, warum harte Entscheidungen kein Fluch, sondern Segen für uns sind. Dabei kann es sich sowohl um kleine (siehe das Frühstücks-Beispiel) handeln, als auch um große (Welchen Job oder Partner soll ich wählen? In welche Stadt ziehen? …). Es gibt bei den harten Entscheidungen keinen klaren Bewertungsmaßstab, den ich anlegen kann. Ich könnte wohl aber Angst die Entscheidung bestimmen lassen – ich gehe auf Nummer sicher – oder lasse mich durch Lob und Tadel lenken. Das Ding dabei ist: Wir lassen uns damit vom Außen lenken. Andere bestimmen, was wir tun sollen. Das Großartige an harten Entscheidungen sei aber, so Chang, die Chance, unseren eigenen Maßstab zu bestimmen. Sie setzten damit eine „normative Macht“ frei – ich selber gestalte die Gründe, warum ich mich für das eine oder andere entscheide. Durch dieses Stellungbeziehen forme ich ein Stück meiner Persönlichkeit. „This is who I am“ – ich habe mich so entschieden!

This is who I am … a little tired

Wenn doch so viel konstruktive Macht in unseren Entscheidungsprozessen steckt, warum werden wir manchmal entscheidungsmüde? Warum prokrastinieren wir? Warum quälen wir uns manchmal so? 

Die Gründe, die wir in unserer Philosopherei fanden, waren vielfältig und zutiefst menschlich: Es mag mangelndes Selbstvertrauen sein oder das Fehlen von positiven (Resilienz-)Erfahrungen. Oder diese verdammte Bequemlichkeit und Sicherheit unserer Komfortzone sowie die Angst vor dem Unbekannten außerhalb. Manchmal fühlen wir uns gelähmt durch Vergleiche mit Anderen. Oder der Wunsch dazuzugehören und die Sorge vor dem Anderssein lassen uns verharren im Status Quo. 

„Morgen ist auch noch ein Tag.“ Den Spruch bringe ich mit Scarlet O’Hara aus „Vom Winde verweht“ in Verbindung… Welchen Wert hat aber das Verharren? Ein Gast sagte, sie bestimme selber ihre Zeit. Sie lasse sich nicht unter Druck setzen durch das Außen. Manche Entscheidungen bräuchten einfach ihre ganz individuelle Zeit. Ich selber fühle häufig eine aufwallende Ungeduld, die gespeist ist aus meiner Leistungsprägung. „Sei produktiv“, „schaffe etwas“, „entscheide jetzt“, denn „so bist Du stark“. Langsam sein = Schwäche? So war lange Zeit, wenn ich ehrlich bin, mein inneres Urteil. Und ich wage zu behaupten, dass ich damit nicht allein war und bin, sondern dass dies Teil unserer gesellschaftlichen Prägung ist. 

Innehalten und Fußbad für einen klaren Kopf

Getrieben zu sein und zu hasten, bringt selten Gutes. Wir werden fahrig. Kahneman beschreibt in seinem oben erwähnten Buch, dass wir Menschen ein begrenztes „Budget der mentalen Arbeitskraft“ besäßen. Dieses Budget würde nicht nur durch Denken angezapft, sondern reduziere sich auch durch zu viel körperliche Anstrengung oder beispielsweise durch einen zu niedrigen Blutzuckerspiegel. 

Stress raus zu nehmen und innezuhalten, wieder Bezug zu sich und seiner „inneren Stimme“ herzustellen, neugierig zu sein und sich vorstellen zu können, dass es gut wird… und im Jetzt zu sein. Dies mag uns helfen, gute Entscheidungen zu treffen. Ein Gast hatte dazu ein wunderbares Bild: Von einer Brücke aus sehen wir, wo der Fluss herkommt und wohin er fließt (zumindest jeweils bis zur ersten Biegung). Aber die Gegenwart erfahren wir nur dann wirklich, wenn wir den Aussichtspunkt verlassen, zum Ufer gehen, die Hosenbeine hochkrempeln und hineinwaten. Jetzt sind war da! 

Trauen wir uns? Entscheidungen erfordern den Mut, sich nass zu machen: ich kann ausrutschen, ich kann neue Facetten von mir erfahren, ich kann gewohnte Perspektiven aus dem Blick verlieren. Und ich kann das Leben spüren.

Zum Frühstück gab’s heute ein kleines Schälchen Müsli und eine Hälfte des Marmeladenbrötchens.
Eine ausgezeichnete Entscheidung!!


Bauch oder Kopf?
Laute oder leise Töne?
Schattenplatz oder Sonnenbad?
Groß träumen oder Detailplanung?
Marie Kondo oder kreatives Chaos?
Gegenwart oder Zukunft?
Entweder-oder oder sowohl-als-auch?